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Über die Nachteile von Vorurteilen und die Vorteile von Nachurteilen

Ich starte diesen Artikel dieses Mal direkt mit der wichtigsten Botschaft:

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Ein Persönlichkeitstyp ist KEIN VORURTEIL,

und soll es auch nicht sein!

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Witziger weise ist sogar genau das Gegenteil der Fall. Denn, um einen Typ zu bestimmen, muss man sich Gedanken machen. In gewisser Weise bildet man sich ein NACHurteil (das Gegenteil eines VORurteils, bei dem man einfach -ohne sich mit dem Individuum zu beschäftigen- ein Urteil fällt, z.B. aufgrund des Aussehens oder „weil der Vater genauso war!“): Man studiert die einzelne Person, macht sich Gedanken und bestimmt den Typen daNACH.

Carl Gustav Jung hat 1921 seine Befunde zur Persönlichkeit (und den auftretenden Gemeinsamkeiten bei verschiedenen Menschen) veröffentlicht. Allerdings ist seine Theorie bis heute umstritten. Einerseits wurde sie für die verschiedensten Zwecke benutzt und adaptiert (Mbti, Keirseys Temperamente, Sozionics etc.), andererseits immer wieder kritisiert, da seine Befunde nicht überprüfbar und nicht wissenschaftlich seien und auf Anekdoten basieren sollen.

Zugegeben: Jungs Schreibkünste sind oft sehr schwierig eindeutig zu interpretieren. Doch seine Ideen und Einsichten sind enorm bedeutungsvoll. Ein „Beweis“ ist meiner Meinung nach, dass seine Ideen auch heute noch vielfach zitiert und benutzt werden. Alleine aus diesem Grund muss (zumindest für einige Typen von Menschen) irgendetwas Wahres dran sein an seinen Ideen.

Doch, habe ich ja schon weiter oben erwähnt, dass es erhebliche Einwände von wissenschaftlicher Seite gibt. Wie soll man damit umgehen?

Nun, auch dafür gibt es Argumente.

Denn wenn wir davon ausgehen, dass es unterschiedliche „Typen“ oder Denkweisen bei uns Menschen gibt (die Wissenschaft akzeptiert zum Beispiel das Big-Five-Modell), dann scheint es durchaus einleuchtend zu sein, dass manche Leute mehr konkrete Beweise (Wissenschaft!) benötigen als andere. Diese Typen gehen dann einfach von der Grundannahme aus, dass man alles irgendwie anfassen/beweisen/sehen können muss, bevor es real ist. Und so sollte es auch, bitte schön, bei den Persönlichkeitstypologien sein!

Doch, wie bitte beweist man Gott? Wie will man Liebe anfassen oder Hoffnung sehen? Auch ein Bild unseres Gehirns, alleine betrachtet, kann uns nichts darüber aussagen, wie es funktioniert! Es gibt daher vermutlich auch Typen, die eher abstrakter denken und andere Arten von „Beweisen“ brauchen und akzeptieren (wie zum Beispiel das Prinzip der Logik).

Ich persönlich gehe davon aus, dass die dynamischen Prozesse  im Kopf eines jeden Menschen (Jungs Funktionen) sehr abstrakt und nicht einfach zu verstehen sind. Wir Menschen können uns selbst nicht sehen, wenn wir keinen Spiegel oder Ähnliches vor uns haben. Genauso ist es mit unserer Persönlichkeit und den Funktionen, die für uns elementar und wichtig sind. Wir sehen sie einfach nicht! Wir sind von Natur aus blind und müssen erst langsam lernen uns selbst „richtig“ wahrzunehmen.

Wenn es nämlich einfach wäre uns selbst kennen zulernen, dann gäbe es keine Psychologen, Ratgeber, Paartherapien, Psychiater oder Horoskopersteller usw. Und wenn man nun davon ausgeht, dass nicht jeder Mensch von Natur aus psychologische Selbsterkenntnisse hat, wie will man dann bitte schön einen Test oder Beweis durchführen, der auf diesem Wissen basiert und dann sagen, dass eine Theorie stimmt oder nicht stimmt?

Ich behaupte, dass dies schlicht und einfach nicht möglich ist. Und es wurde von Jung  auch nicht so beabsichtigt.

Manche Dinge sind einfach zu komplex, um sie direkt anfassen oder beweisen zu können. Der Teufel steckt eben im Detail. So ist es auch mit Jung und seiner Persönlichkeitstheorie. Es ist eine Theorie, die stimmig ist. Je konkreter sie jedoch angewendet werden soll, desto ungenauer und unpräziser wird sie.

Wenn zum Beispiel jemand einen Test macht und einen Typ bekommt, der sehr idealistisch ist, weil er (konkreter Beweis:) sich für die Rechte von Tieren einsetzt, dann wird sehr schnell klar, dass es einige Menschen gibt, die sich zwar als „idealistisch“ sehen, aber nicht zwingend als „tierlieb“. Diese Leute würden dann (zu Recht!) behaupten, dass dieser Typ nicht zu ihnen passt. Theoretisch könnte der Typ dennoch passen, nur die konkreten Beispiele/Details tun es eben nicht.

So dürfte es auch zum Scheitern verurteilt sein die kognitiven Funktionen in jeder banalen Handlung eines Menschen zu suchen. Wie er sich zum Beispiel ein Brot schmiert oder was seine Lieblingsfarbe ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Persönlichkeitstheorien von Jung sind nicht einfach, aber sie haben ihren Sinn und Zweck. Sie verdeutlichen nämlich ganz klar, dass es Menschengruppen gibt, die nun einmal anders „ticken“. Jungs Funktionen können Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten erklären und helfen zu verstehen, wie man selbst funktioniert und denkt. Jungs Funktionen zeigen uns, dass es Unterschiede gibt, nicht jeder denkt so, wie ich und Leute, die an die Wissenschaft glauben, sind nicht wertvoller oder schlauer, als Leute, die an z.B. an Gott glauben. Es ist einfach nur eine andere Sichtweise.

Und, ganz wichtig: Jungs Ideen regen zum NACHdenken an, ob denn nun VORurteile wirklich notwendig und sinnvoll sind…

Published inselbstbewusster werden

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