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Wunsch: Freundschaft

Freundschaft

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Ein Freund – eine gute Freundschaft. Ja. Ich unterdrücke nun an dieser Stelle die rhetorische Frage “Was ist Freundschaft?”, da darauf meist eine trockene und wenig aussagekräftige Definition folgen muss, die eigentlich niemanden so richtig interessiert (außer Wissenschaftler, aber die können das eh besser – mit dem Definieren und so).

Stattdessen soll es – in medias res – losgehen!

Wir wissen es alle: Freundschaft bekommen wir nicht einfach so serviert. Vermutlich ist sie deshalb auch so wertvoll und nicht mit Geld aufzuwiegen.

Erzwingen können wir sie ebenfalls nicht. Was bedeutet, dass es etwas mit Freiwilligkeit zu tun hat.

Aber was -freiwillig- tun? Geld ausgeben? Zuhören? Den Müll rausbringen?

Vielleicht ein bisschen von allem, aber am meisten von dem: Da sein. Einfach – da sein.

Wann? Morgens, mittags oder direkt vor dem Fernseher, wenn Fußball läuft?

Dann, wenn man gebraucht wird. Und am besten noch einmal mehr.

Also eine relativ anspruchsvolle Job-Beschreibung. Doch ist es das wert?

Vermutlich. Muss am Ende aber jeder selbst entscheiden. Denn Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Nehmen – na klar, denn wer nimmt nicht gerne? Bedarf gibt es ja immer, da irgendwas in Schieflage hängt. Aber Geben? Doch nur, damit der andere auch etwas “nehmen” kann, oder? Ausgleich und Balance und so.

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Wie wir Freundschaft finden

Weit gefehlt. Tatsächlich bringt uns Geben wesentlich weiter, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Und zwar nicht nur in der Freundschaft, sondern auch bei uns selbst. Wir sind wesentlich glücklicher, wenn wir geben können. Dieses potenzielle Glück wird nur dann zerstückelt, falls wir zu den “Rechnungsmenschen” gehören. Rechnungsmenschen wägen nämlich jedes Geben und jeden Gefallen ab und fragen sich solch aufschlussreiche Fragen wie: Ich habe ihr/ihm doch schon x-mal geholfen und letzten Mittwoch etwas von meiner Milch abgegeben, wann macht er/sie mal was für mich?!

Rechnungsmenschen haben es dadurch leider etwas schwerer bei der Freundschaftssuche, da sie erst lernen müssen, was Freundschaft nicht ist.

Doch das wirklich schlimme ist: Wir alle tragen einen kleinen Rechnungsmenschen mit uns herum. Sonst könnten wir ja gar keine Kosten-Nutzen-Aufstellungen machen, Bilanzen erstellen oder die Buchhaltung erfinden.

Doch wir müssen gucken, dass wir unseren inneren Rechnungsmenschen einkaufen oder in den Wald schicken, wenn es um Freundschaft geht.

Denn:

Wir freunden uns mit den Menschen an, denen wir etwas von uns anvertrauen. Also indem wir geben – einen kleinen Teil von uns. Nicht nur die Milch oder den Abend, sondern auch Enttäuschung, Schmerz, Wunden und Glück. Geben schlägt Nehmen. Haushoch.

So entstehen tiefe Bindungen. Wenn ich mich öffnen kann, mag ich meinen Gegenüber viel lieber, genauso, wenn ich ihm/ihr helfen kann. Nicht, wenn er/sie mir hilft. Und ich bin glücklicher! Klingt komisch, ist aber so.

Das ist natürlich kein Freifahrtschein jedem Menschen sofort alles über meine Probleme, Schmerzen und Ängste vor den Kopf zu knallen! Denn dann “nehme” ich mir die Aufmerksamkeit des Anderen, vielleicht sogar gegen seinen Willen! Ich dränge mich auf. Das Gegenteil von Geben und brüderlichem (oder schwesterlichem) Teilen.

Geteilte Probleme und Schwierigkeiten schweißen zusammen und stärkt die Bindung. Das Fehlen dieser Komponenten treibt auseinander, wenn auch oft nur langsam.

Für eine solche Bindung brauchen wir allerdings nicht den einen Seelenverwandten, wie wir vielleicht gerne denken möchten. Allein statistisch ist das natürlich schon nicht haltbar. Wenn ich nur einen Seelenverwandten hätte, dann könnte der in einer Blockhütte in den Anden sitzen oder in Sydney Burger braten. Vermutlich würde ich ihn oder sie niemals im Leben zu Gesicht bekommen. Unpraktische Seelenverwandtschaft.

Weg damit. Auch die Wissenschaft hat schon erkannt:

Man wird Freund mit demjenigen, der in der Nähe ist.

Naja, nicht mit jedem natürlich. Aber mit einigen. Wie es passiert, ist natürlich situationsabhängig. Mal lernt man sich im Club kennen, mal beim Einkaufen oder im Seminar. Wir teilen dann bereits etwas. Etwas vages, wie eine Weltanschauung. Eine Eigenschaft (zum Beispiel Bescheidenheit) oder den Geschmack (der gleiche Vanillepudding beim Einkaufen). Und dann sprudelt es heraus: Eine weitere Gemeinsamkeit! Irgendwas… vielleicht eine gemeinsame Abneigung gegen Anzugträger? Wer weiß.

Und schon beginnt es: Ein Hauch von Freundschaft. Auch ohne Seelenverwandten. Wir teilen und gewinnen.

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Wie wir keine Freundschaft finden

Nun, wer hat den Fehler gefunden?

Na?

Jetzt?

Natürlich, hier ist der Haken: Es gibt keine perfekte Freundschaft. Niemand kann IMMER da sein, ungefragt Hellsehen und IMMER einen Rat wissen. Ich wiederhole: Niemand!

Je mehr solche Erwartungen im Spiel sind, desto mehr hat unser innerer Rechnungsmensch gerade zu melden (Erinnerung: Das ist kein gutes Zeichen, siehe oben).

Erwartungen zerstören nämlich das wunderbare Gleichgewicht einer Freundschaft, das kaum in Worte zu formen ist. Die Balance der Freiwilligkeit und des Gebens – von beiden. Es entsteht Druck, Frust und dann Wut. Das ist das Ende einer Freundschaft verpackt in eine Frage der Zeit.

Das Problem: Das Ideal der perfekten Freundschaft (besonders für Singles) ist oft zu hoch angesetzt und führt daher zwangsläufig zu Enttäuschungen. Die Schattenseite des Perfektionismus unserer heutigen Gesellschaft. Immer besser, höher, weiter und intensiver – alles. Kein Ende in Sicht. Außer für die Freundschaft. Das, was wir uns doch eigentlich alle gewünscht haben.

Der aufmerksame Leser fragt sich nun natürlich: Aber warum gerade für Singles?

Spätestens wenn der beste Freund oder die beste Freundin einen Partner gefunden und vielleicht eine Familie gegründet hat, wird das Problem offensichtlich. Wer kennt nicht die Geschichte von den zwei besten Freundinnen, die sich entzweien, schrittweise, sobald die eine es in ihrem Leben bis zur eigenen Familie geschafft hat? Prioritäten verschieben sich und eine Wunde des Alleinseins ist versorgt.

Doch eine andere bleibt offen und schmerzt mehr als zuvor.

Ein Paar hat sich selbst UND (im Idealfall) mindestens eine Freundschaft – als Bonus. Die Leere ist gefüllt. Ein Single ist allein mit sich und der Leere. Und auf der Suche nach etwas oder jemandem, der da ist und eine tiefe Wunde versorgt und alles “heile macht”. Das ist eine Erwartung, die nicht erfüllt werden kann, egal ob in einer Freundschaft oder Partnerschaft. Schmerz, Angst und Wut folgen.

Doch wenn wir uns bewusst machen, dass wir in so einem Moment “nehmen” und nicht “geben” wollen, dann können wir verstehen, dass wir unseren eigenen Wunsch nach Freundschaft sabotieren.

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Ist dies das Fazit, das wir mit nach Hause nehmen am Ende eines langen Artikels?

Nein, das kommt jetzt:

Wir alle brauchen die Wunde der Einsamkeit in uns, denn nur so werden wir immer wieder zusammengeführt in…

… Freundschaft.

Published inselbstbewusster werden

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